Reisebericht: Mit Rad und Schiff von Passau nach Wien

Von Fahrrad Nr. 264 über unseren Gast Christiane

Christiane aus Hannover entschied sich für ein schwimmendes Hotel. Gute Wahl! Das findet auch Fahrrad Nr. 264, der rote Begleiter eines jeden Radweg-Reisen Gastes. Die zwei führte es Sommer 2019 mit Rad und Schiff von Passau nach Wien.

Auf den Radwegen von Passau nach Wien gibt es viel zu entdecken für Christiane und ihr Rad. An Land sowie zu Wasser. Um von den Großstadt-Abenteuern und fruchtigen Landschaften zu erfahren, welche die beiden gemeinsam erkundet haben, lesen Sie weiter!

Mieträder auf der MS Normandie

Tag 1: Anreise meiner Fahrerin – Passau – Engelhartszell

Mit knapp hundert meiner Kollegen stehe ich akkurat aufgereiht auf dem Deck der MS Normandie. Unsere roten Rahmen glänzen in der Sonne. Von hier aus haben wir den idealen Ausblick auf die Landschaft, die Anlegestellen und die Menschen um uns herum.

Wir sind robuste Tourenräder und haben schon viele hunderte, zum Teil tausende von Kilometern hinter uns. Es wird uns nicht langweilig.

Wir können gut Fahrt aufnehmen, einige von uns mit elektrischer Unterstützung. Die brauche ich nicht, ich kann gut ohne Hilfe fahren. Nun ist es wieder so weit: Wir gehen wieder auf Tour! Nach und nach werden uns Kollegen „von Auswärts“ zur Seite gestellt. Nicht jeder Gast hat einen von uns gemietet, sondern einige haben ihr eigenes Rad mitgebracht: 
„Kommt her, hier ist genug Platz!“

Wir werden hier oben viel Zeit zusammen verbringen aber, und darauf freue ich mich besonders: In den nächsten Tage werden wir unseren Gästen einen besonders schönen Abschnitt des Donauradweges zeigen: Den von Passau nach Wien!

Die ersten Gäste tingeln schon um uns rum. Unsere Bremsen werden im Vorbeigehen geprüft, unsere Stabilität in Augenschein genommen. Das kennen wir schon: Am Anfang sind die Gäste noch zurückhaltend, die Stimmung ist noch gedämpft, man hält sich vornehm zurück. Aber das ändert sich spätestens ab morgen Abend. Dann hat sich jeder eingerichtet, man hat die ersten Kontakte am Abendessentisch geknüpft und jeder von uns konnte mit seinem Gast bei der ersten Tour Sattelfühlung aufnehmen.

Oh, da ist ja meine Fahrerin. Sie hat mich gefunden!

Normalerweise heiße ich 264. Auf dieser Fahrt bin ich für sie und alle anderen die 111 – entsprechend ihrer Kabinennummer hängt ein Schild an meinem Gepäckträger.
Sie ist zufrieden mit mir. Heute wird sie noch ihre ersten Infos über uns, die Fahrt und alles Organisatorische erfahren. Meine Fahrerin ist alleine angereist. Sie kennt hier niemanden, aber das macht nichts – ich weiß, dass sich hier schnell Leute finden, die gerne zusammen radeln wollen.

111 mit der MS Normandie

Tag 2: Engelhartszell – Untermühl – Linz

Na, das ging ja schnell: Schon am ersten Tag bin ich mit meiner Fahrerin nicht alleine! Ein Kollege wird von einer anderen Frau begleitet. Beide stellen sich neben uns. Während wir die erste Etappe mal schnell, mal mäßig fahren, hören mein Kollege und ich den Gesprächen der beiden Frauen zu. Ja, die beiden verstehen sich gut, haben ein ähnliches Tempo und viel Gesprächsstoff. Das wird nett!

Ich mache meine Arbeit gerne. Diese Strecke wurde ich schon oft gefahren. Ich merke, die Frau die auf mir sitzt, genießt es mit mir unterwegs zu sein. 

Sie ist auch zum ersten Mal hier. Eine solche Tour hat sie sich schon lange vorgenommen. So etwas erfahre ich so nebenher.

Ihr fällt bald auf, dass die Strecke abwechslungsreich und gut ausgebaut ist. Ja, es war eine gute Entscheidung sich für diese Reise zu entscheiden! Nach einiger Zeit fährt unser Schiff an uns vorbei. Lautstark macht es sich bemerkbar. Ja, das war fast eine Melodie!

Die MS Normandie wartet auf uns in Untermühl. Ich werde wieder mit bester Aussicht auf dem Deck abgestellt. Jetzt habe ich Feierabend und meine Fahrerin wird später noch Linz erleben. Während das Schiff dorthin gleitet, wird sie Zeit zum Ausruhen haben, sich zu duschen und Kaffee und Kuchen bei bestem Wetter zu genießen.

Es muss jetzt so gegen 20.30 Uhr sein - es wird so langsam dunkel. Hinter mir sitzen Gäste in Liegestühlen und lassen den Tag Revue passieren. Die erste Tour, die schöne Landschaft, das perfekte Radlerwetter… Die Luft ist lau. Bald höre ich nur noch das leise Surren aus dem Inneren des Schiffes, das Zirpen der Heuschrecken vom Ufer hinter mir.

Linz bei Abenddämmerung

Vor mir auf der gegenüberliegenden Seite gehen die Lichter von Linz an. Das Kunstmuseum leuchtet von innen heraus, darüber geht der Mond auf. Weiter rechts wechselt das gesamte Atelierhaus von magentarot zu leuchtend blau. Die eine Kuppel des Linzer Schlosses reflektiert wie frisch geputzt die letzten Sonnenstrahlen in kupferrot. Der Mond wandert wohl dorthin… ich werde es die Nacht über beobachten.
Morgen früh, wenn die meisten noch schlafen fährt das Schiff weiter an einen neuen Ausgangpunkt: Mauthausen.

Mieträder auf der MS Normandie

Tag 3: Mauthausen - Grein

Der Morgentau liegt auf mir. Das Schiff brummt eine Nuance lauter. Es ist 4.00 Uhr morgens und wir legen in Linz ab. Sonst ist es noch still um uns herum. Vor unseren Vorderrädern wird der Himmel heller. Hügel, Wälder, die Böschung – alles ist noch dunkelgrün und erscheint wie aus einem Guss. Von dort her hören wir die ersten Vögel ihre Reviere verteidigen. Im Osten, genau vor meinem Lenker färbt sich bald der Himmel mangogelb. Ein Flugzeug hoch oben spiegelt schon den erwarteten Sonnenschein wieder – Diese Idylle mag ich.

Heute gesellt sich sogar meine Fahrerin zu mir. In eine Kabinendecke gewickelt kuschelt sie sich in einen der Liegestühle. Sie konnte nicht mehr schlafen. So warten wir gemeinsam auf den Sonnenaufgang.
Von unten strömt Brötchenduft über das Deck, der die Vorfreude auf das Frühstück weckt. Was ich von den Gästen immer wieder so höre, soll es sehr reichlich sein. Für jeden Geschmack sei etwas dabei. Außerdem kann ich einen kleinen Einblick bekommen, wenn für das Picknick während der Fahrten meine Gepäcktasche geleert wird:
Brötchen, verschiedene Brotsorten, Ei, Aufschnitt, Obst. Sogar Bacon, Würstchen, Rührei und gebackene Bohnen wurden schon aus meiner Gepäcktasche gezaubert.

Nicht von meiner Fahrerin, aber bei anderen Gästen habe ich das schon erlebt! Dann wird das Buffet der MS Normandie an den verschiedensten Stellen am Rande der Donau neu ausgebreitet und genossen.

Schleusenvorgang

Noch sind wir aber auf dem Schiff und erreichen eine der vielen Schleusen. Sie sind tagsüber immer wieder eine Attraktion und locken viele Gäste an die Reling. Es ist spannend zu erleben, wie passgenau das große Schiff in diese Kammer gelenkt wird, nur 10 cm vom Rand entfernt. Andere wollen hier ja schließlich auch noch mit rein.
Dann wachsen die Mauern an uns hoch und wir kommen uns vor wie in einem riesigen Trog! Nach einiger Zeit öffnen sich dann die Schleusentore und geben die Sicht wie für den nächsten Akt auf das Donautal wieder frei.

Nun hat die Sonne bereits die Höhe meines Lenkers erreicht. Sie schickte bis dahin nur grelle Lichtblitze durch die dicht stehenden Baumgruppen. Ganz bescheiden, aber gleich mit ihrer ganzen Intensität ist sie aufgegangen. Nun versucht sie sich mit ihren Strahlen den Weg unter und zwischen den Gardinen in das Innere der Kabinen zu bahnen, um auf ihre Art die Gäste zu wecken.
Sehr nett: Ein Mitarbeiter hat für meine Fahrerin und andere Frühaufsteher Kaffee bereitgestellt.

Wir sind nun in Mauthausen angekommen und werden vertäut.
Viele fleißige Hände, die sich um einen reibungslosen Verlauf kümmern – immer freundlich und engagiert. Später werden einige von ihnen mich und knapp 90 meiner Kollegen von Bord schieben – und später wieder rauf! Und das jeden Tag!

Meine Fahrerin sieht das und ist dankbar für diese Leute, die mit dazu beitragen, dass sie einen schönen entspannten Urlaub erleben darf. Sie schätzt das, auch „wenn es doch deren Arbeit ist“, aber man kann so oder so arbeiten.

Meine Fahrerin entschied sich heute für eine Tour, die etwas abseits der Donau entlangführt. Das ist nämlich auch möglich: Es gibt immer mal wieder Alternativrouten. Und so fuhren wir einen anderen gut ausgeschilderten Radweg, der uns durch Waldabschnitte führte, vorbei an Mais-, Weizen- und Rübenfeldern, durch kleine Ortschaften und über Bäche. Diese Strecke ist abwechslungsreich und ab und zu hügelig. Nach einiger Zeit habe ich das nicht mehr geschafft und da hat mich meine Fahrerin hochgeschoben. Nett.

Hochwassermarke

Ich erlebe ein Picknick, wieder mit Blick auf die Donau.Meine Fahrerin kommentiert die Wassertemperatur, die Füße ins Wasser haltend mit: „Puh, kalt!!!“. Nun weiß ich auch das.

Wenn ich das Wasser erlebe, dann ist es nur von oben und das kann in dieser Gegend in seiner Intensität und Temperatur sehr vielfältig sein. Meine Fahrerin und ich hoffen, dass das Wasser schön in der Donau bleibt! Denn 2013 ist es mal bis auf 4 m über die Ufer getreten. Das konnte ich unseren Fahrerinnen an einer Messlatte zeigen, die auf unserem Weg an einer Scheune hing. Wir sind uns einig: Sonne ist besser – weiter so!

Tag 4: Grein – Melk

Ich habe neue Kraft, meine Fahrerin braucht heute nur aufsitzen und los geht's!
Heute liegen laut Plan ca. 50 km vor uns. Kein Problem! Da sie und ich voll in Form sind, nehmen wir auch die 2 km zurück auf uns, um über eine Brücke statt mit der Fähre die Donauseite zu wechseln. Da ich mich, wie auch im weiteren Verlauf dieser Tour schonen und meine Kräfte gut einteilen soll, entscheidet sich meine Fahrerin sehr früh, mich steile Wege hoch zu schieben. Das würde mein Profil schonen, meint sie. Sie hatte viele gute Gründe mich bergauf zu schieben!

Donaukraftwerk

Wir sehen uns eines der vielen Donaukraftwerke genauer an. Hier in Jochenstein ist das älteste an der Donau in Österreich – fertiggestellt 1956.

Es beeindruckt uns beide, wie sich die Wassermengen durch die Turbinen auf die andere Seite wälzen. Die angrenzende Schleuse ebnet den Wasserweg für zahlreiche Flussschiffe. In wenigen Stunden wird auch die MS Normandie diese Stelle passieren und uns dann auf unserem weiteren Weg überholen.
Das tat sie dann auch, als sich meine Fahrerin mit ihrer Bekannten eine Pause gönnte.

Einen netten Platz haben sie sich wieder ausgesucht. Sie finden immer einen, wo auch wir Räder viel sehen können – sehr aufmerksam! Viele meiner Kollegen radeln dann an uns vorbei, die wir wiederum dann bei deren Rast wieder antreffen. Heute fahren wir auch kurz an einer Bahnlinie und Bundesstraße entlang. Hatte uns die Zivilisation mit ihrem Lärm und Staub wieder eingeholt?! Nein, denn nach wenigen hundert Meter fahren wir links ab, direkt wieder ins Grüne hinein.

Gewitter im Anmarsch

Ca. 10 km vor dem Ziel, der Stadt Melk trat meine Fahrerin plötzlich kräftig in meine Pedalen. Sie ignorierte dabei sogar meine Bitte, mich bei „bergauf“ zu schonen!
Aber dann verstand ich: Vor uns, auf der anderen Donauseite türmten sich die bisher harmlos aussehenden weißen Wolken zu grauen Bergen auf und kamen uns bedrohlich näher. Wir konnten sehen, dass sie bereits die oberösterreichische Seite mit Schauern übergossen.

Meine Fahrerin gab Gas. Bestimmt, weil sie nicht wollte, dass ich nass werde. Ich freue mich, dass ich eine so mitdenkende, empathische Fahrerin erwischt hatte! Ja, und so haben ich und meine Fahrerin keinen einzigen Tropfen abbekommen.

Nun ruhe ich mich aus. Meine Fahrerin macht noch einen Bummel in Melk. Klar, dass sie noch Kraft dazu hat. Sie konnte ja die ganze Zeit auf mir sitzen! Ich dagegen…
Melk lohnt sich anzuschauen: Das Stift ist hübsch und imposant. Torte und Eis gab es woanders besseres…

Später stehen, bzw. sitzen wir noch zusammen an Deck und schippern durch die Wachau. Es ziehen vereinzelnd kleine Ortschaften, Burgen und Ruinen an uns vorbei. Heute geht es noch bis nach Tulln.

Tulln

Tag 5: Tulln – Wien

Tulln blüht an allen Ecken. Von April bis Ende Oktober findet hier eine bekannte Gartenschau statt. Ich durfte mir ein wenig davon ansehen, denn einen Vorgeschmack der Blütenpracht gab es schon an unserer Anlegestelle. Für die Besichtigung einiger offener Gärten, die Ausstellungen, den Baumwipfelpfad und viele weitere Sehenswürdigkeiten wäre vielleicht genug Zeit gewesen, aber meine Fahrerin und ihre Begleiterin wollten die Etappe nach Wien in Angriff nehmen, um sich dort heute noch von der Stadt einen ersten Eindruck verschaffen zu können.

Na, da hatten wir so einiges vor!

Auf dem Donau-Radweg

Einige Stunden vor uns sind Regenschauer auf unserer Route entlang gezogen. Das Wasser auf den Wegen verdampfte um uns herum und die Pfützen waren erfrischend. Heute hielten wir öfter an. Meine Fahrerin verschwand dann oft im Grünen… Ja, dafür auch, aber auch um zu fotografieren. Um uns herum blühte und summte es: Wegwarte, Lichtnelken, Schafgarbe und dann all die Gewächse, die zuhause noch bestimmt werden wollten. Hier ist ein wahres Paradies für Bienen. Ein rot-schwarz gefleckter Falter? Keine Ahnung was das für einer ist.

An einer Stelle sah ich Menschen ohne Hülle! Wenn ich nicht schon rot wäre, wäre ich es jetzt geworden… Baden konnte man hier. Ich gehe nicht baden, das bekommt meinen Gelenken nicht so gut. Aber an den beiden Fahrerinnen konnte ich sehen, dass es Spaß macht – und Hunger.

Nach Wien fährt man nicht plötzlich rein. Man sieht schon von weitem die Silhouette und an die Geräusche der Stadt rollt man nur langsam heran. Aber wenn man erstmal dort ist, gilt es mächtig aufzupassen! Hier ist was los – es gibt hier Kollegen, die haben die Lizenz zum links-, slalom- und über-die-Fußwege Fahren!

Das verwirrt und mir war nicht immer klar, was ich hier darf und was nicht. Gleichzeitig hatten unsere Fahrerinnen einen großen Plan im Kopf was sie heute sich schon mal ansehen wollten, der aber zum Glück nur in kleinen Schritten umgesetzt wurde: Meter um Meter, von Kreuzung zu Kreuzung. Eben wegen dieser Verkehrsüberforderung meiner- bzw. ihrerseits.

So wurden wir heute über den Prater geschoben, wir sahen Riesenräder, DAS Riesenrad, Achterbahnen und andere schreckliche Maschinen, die Menschen durch die Luft wirbelten. Sie schrien dabei – aber keiner half ihnen! Wer versteht schon die Menschen so wirklich?

Wien
Wien

Dann sollte das im Hundertwasserstil gestaltete Kraftwerk das Ziel sein. Nach einigen Irrfahrten fuhren wir dann unsere beiden Frauen versehentlich zum Hundertwasser Kunst Haus. Da haben wir uns etwas vertan, aber sie haben sich gefreut. Der Stil stimmte.

Für uns gab es dort einen schattigen Stellplatz und für die beiden Frauen Almdudler und Bier. Gut, dass wir diese „Pause" eingeschoben haben: So konnte der direkte Weg zum Kraftwerk erneut geplant werden. Wer besucht schon so etwas? Aber es ist sehenswert. An diesem Gebäude konnte sich der 1928 in Wien geborene Friedrich Stowasser so richtig austoben. Wir wurden nur langsam um dieses Kunstwerk herumgeschoben. Es wurden viele Bilder gemacht!

Wir befanden uns in der Nähe der Anlegestelle unseres Schiffes. Wieder dort ahnte ich schon, dass der Tag für mich noch nicht zu Ende sein sollte. Ich wurde in Fahrtrichtung am Steg abgestellt. Das heißt immer: Ich werde noch gebraucht.

Donau Landschaft MS Normandie

Frisch gestärkt vom Abendessen bereitete mir meine Fahrerin noch eine Überraschung. Vom Schiff aus fuhr sie mich gut fünf Minuten Richtung einer aufwärts führenden Straße. Ab dort wurde ich geschoben. Meine Fahrerin schwitzte und schnaufte. Da das hier als „Mountainbikestrecke“ ausgeschildert war, durfte ich wohl nicht selber fahren. Sie wollte mich wohl aber unbedingt dabei haben. Ein Mountainbike wurde von einem Mann, der wild im ersten Gang strampelte und nicht wesentlich schneller war als ich, hochbefördert. Auf halber Strecke durfte es sich dann auch schieben lassen.

Rechts und links sahen wir Weinfelder – Riesling. Ich wurde immer schwerer, je höher wir kamen. Komisch, ich hatte den Drang rückwärts zu fahren, aber meine Schieberin nicht. So ging´s höher und höher. Oben angekommen konnte ich nicht alleine stehen. Es zog mich etwas nach hinten, konnte aber nicht sehen was es war… Ich genoss die Aussicht, meine Schieberin verschnaufte und wischte sich den Schweiß ab.

Ja, sie hat mich wirklich überrascht. Erstmal damit, dass ich nicht fahren musste und dann diese Aussicht: Wien machte die Lichter an – über uns gingen sie aus.

„Da hinten bin ich heute langgefahren, da war ich heute. Da ist das Riesenrad!“ Es wurden immer mehr bunte Lichter angemacht und meine Fahrerin stellte mich immer dort ab, wo ich eine andere Sicht bekam.

Der Rückweg ließ uns sozusagen fast in die Donau auf die MS Normandie rollen. Wieder dort wurde ich geparkt und verschlossen. Wenn mein Rücklicht ausgeht, werden wohl auch die Augen meiner Fahrerin zufallen. Es war ein so schöner Tag…

Platten

Tag 6: In Wien

Die meisten Kollegen und auch ich haben den Tag in Wien unbeschadet überstanden. Nach meiner Abfahrt gestern vom Weinberg dachte ich ja, meine Bremsbeläge seien runter, aber sie konnten und mussten heute noch gute Dienste leisten. Das erste Mal war es, als ein Wiener Rennradfahrer unsere Fahrspur rechts mit nutzte. Nur, dass er uns entgegenkam und einen gewissen Konflikt auslöste. In einem Brustton und einer erstaunlichen Lautstärke brüllte er uns ein „Hey, do!!!“ zu. Was erwartete er denn? Dass ich über ihn rüberfliege oder mich in Luft auflöse, oder was?

Die Innenstadt erreichten wir ohne weitere Vorkommnisse. Immer schön defensiv, nicht offensiv fahren! Das lernt man schon in der Fahrschule sagte meine Fahrerin.

Wir waren stolz: Meine Fahrerin und ich waren heute alleine unterwegs. Ich wollte ihr alles zeigen, was sie sich wünschte, was sie geplant hat und noch viel mehr. Letzteres ist mir besonders gut gelungen, denn immer wieder staunte sie über Plätze, Gebäude und andere Sehenswürdigkeiten vor denen wir zu stehen kamen und die sie nicht auf der Agenda hatte. Dann machten wir eine kurze Pause, damit sie sich orientieren konnte wo wir waren.

Markt in Wien

Angefangen haben die Überraschungsmomente mit der Entdeckung eines Marktes, der eine Mischung aus Floh- und Antikmarkt war. Dazu muss man wissen, dass meine Fahrerin eine passionierte Flohmarkt-gängerin ist. Da ich das wusste, führte ich sie selbstverständlich hierher in die Freyung. Hier zeigte ich ihr bei der Gelegenheit den Austriabrunnen, das Café Central und das Palais Hardegg.

Wir erleben die Wiener als sehr hilfsbereit und so konnte meine Fahrerin auch recht schnell ihr Navigationsgerät ausschalten. Dieses war mit den Gegebenheiten mächtig überfordert und faselte immer wieder etwas davon, dass wir wenden sollten, um dann wieder zu wenden, um dann zu wenden… Vielleicht lag es auch an der Hitze?

Wir verstanden bald das Tortenprinzip nach dem Wien aufgeteilt ist. Wenn man zu weit an den Rand der Torte, also eines Bezirkes fährt, kann es zum nächsten Tortenstück richtig weit sein. Auch wenn man diagonal im Stück Richtung Rand den nächsten Bezirk sucht… Diese Erfahrung habe ich meine Fahrerin auch machen lassen… Auf diese Weise suchten wir den Rand von Bezirk 4 um ins Tortenstück 5 zu gelangen.

Wir haben viel gesehen und mehrere nette, auskunftsfreudige Wiener und Wienerinnen dabei kennengelernt.

Gemüsestand

Unser anvisiertes Ziel waren Delikatessen aus Wiese, Wald und Garten, ein winziges Geschäft in der Schmalzhofgasse. Wo gibt es sonst eingelegte Disteln, Zucker mit Maiwipfel & Wiesensalbeiblüten, Minzezucker, eingezuckerte und gesalzene Blüten? Hier hielt sich meine Fahrerin dann etwas länger auf.

Der Weg zum Naschmarkt und die Häuser mit Jugendstilfassade waren von dort aus auch nicht weit entfernt.

Später machte ich vor, und meine Fahrerin im, Café Prückel (Stubenring 24) eine Pause. Ein über 100 Jahre altes Café mit traditionsreicher Atmosphäre. Eher bekannt unter den Wienern, als unter Touristen. Dort gab es herrliche Himbeer-Mohntorte! 

Es gibt nicht viele Fahrradständer in Wien. Einer steht aber hier vor dem Café und ich konnte sicher angeschlossen werden. Meine Fahrerin hat sicherheitshalber noch ein Schloss auf die Reise mitgenommen. Ich bin mit einem Speichenschloss versehen, aber das könnte eventuell nicht ausreichen in einer so großen Stadt. Vor allem, als meine Fahrerin in den siebten Stock des Kaufhauses Steibl fahren wollte… Dass sie dort nichts kaufen wollte, war mir fast klar. Trotz der „50% Rabatte auf viele Teile“ wollte sie, bei den so entstandenen Schnäppchen von Schuhen für nur noch schlappe 350€ (pro Paar!), Armbanduhren für 4500€ (eine!) und Taschen (eine!) für 980€, nicht zuschlagen.

Es ging ihr um die Aussicht von dort oben, aber die war auch „für Umsonst“ nichts wert.

Elefant

Was wäre noch erwähnenswert?

Alles, aber einige Schnappschüsse meiner Fahrerin waren z.B. der Elefant vor dem Naturhistorischen Museum, das Straßenschild der Schrottgasse (Die Gasse war eine Einbahnstraße, so wie das bei Schrott auch sein sollte), ein prunkvoller Balkon mit einem noch mehr prunkvollem Blumenarrangement (Welche Hoheit wohl hier zuhause ist?), Reihen von bunten Waren auf dem Naschmarkt, die spanische Hofreitschule (Von außen, das nächste Mal vielleicht von innen), die älteste Gasse Wiens, noch mehr Jugendstil, die Secession, 1898 von Joseph Maria Olbrich erbaut und vieles andere mehr. Und das alles ohne Hektik an einem Tag!

Nun drängte aber die Zeit und meine Fahrerin mutete mir zu, es in einer halben Stunde vom Zentrum zur Anlegestelle in Nußbaum zu schaffen – das sind ca. 10 km. Ich habe Gas gegeben und mache ihr klar, dass ich jetzt für kein Foto mehr anhalten würde!

Der Weg muss seit heute Morgen verlängert worden sein…  Ich habe schon ziemlich geschnaubt und war froh, dann nach einer dreiviertel Stunde wohlbehalten über den Steg der MS Normandie zu rollen.

Stolz kann ich behaupten, dass ich meiner Fahrerin heute richtig viel zeigen konnte. Wien ist gut auf uns eingestellt und bestens ausgeschildert.

Den Abend verbringen wir beide an Deck. Die letzten Sonnenstrahlen spiegeln sich in den Glasfassaden des Internationalen Zentrums, dem Donauturm und auf der anderen Seite im Exhibition & Congress Centrum.

Es wird ruhig um uns herum. Vereinzelte Auto- und Bahngeräusche, Grillen beginnen zu zirpen, Gäste stoßen auf schöne Erlebnisse an, es wird gelacht. Die Luft ist lau, es wird dunkel und unser strahlendes rot der Rahmen geht ins grau über.

Gute Nacht, Wien! Es war schön hier. Meine Fahrerin wird bestimmt noch einmal hierher kommen. Mindestens einmal.

Um 23.00 Uhr fahren wir wieder die Donau aufwärts. Morgen früh wollen wir in Rossatz sein.

Quittenbaum

Tag 7: Rossatz – Pöchlarn

Der letzte Tag, an dem wir beide zusammen fahren werden. Nun kann unsere Beziehung schon ein wenig mehr ab und so habe ich mir einige Besonderheiten ausgedacht.

Von Rossatz sind wir erst einmal durch den riesigen „Obstsalat“ (so nannte es meine Fahrerin) der Wachau gefahren: Marillen, Äpfel, Birnen, Weintrauben, Zwetschgen, Mirabellen, dann auch Walnüsse und Mandeln. Bei letzterem musste ich eine Vollbremsung machen. Irgendwie kamen Kindheitserinnerungen bei meiner Fahrerin auf… Eine Handvoll dieser Früchte landeten vom Boden aufgesammelt in meiner Satteltasche.

Zeitweise bedeckten Marillen unseren Weg – sie sind die Böschung heruntergerollt und ich wollte nicht, dass sie durch mich oder andere überfahren werden. Beide Fahrerinnen – wir waren wieder zu viert unterwegs – bereicherten mit diesen zuckersüßen, vom Sturz weich gewordenen Früchten ihre Jause.

Diese fand aber erst nach einem Schauer statt, der sehr eindeutig war und die beiden Frauen bis auf die Haut durchnässte und uns Rädern eine Vorwäsche verpasste.

Da die Beinbekleidung meiner Fahrerin nach dem Guss nicht vollständig trocknete, hielt sie diese in den Wind: Eine echte Windhose, die uns auch anzeigte, dass es heute nichts mit „lauem Lüftchen“ ist. Genauer: Heute haben wir Gegenwind.

Windhose

Glücklich, satt und einigermaßen trocken ging´s weiter.

Am Wegesrand boten die Eigentümer zwei einzelner Häuser Waren zum Verkauf an. „Zwei Tage Flohmarkt“ war auf mehreren Schildern angekündigt (Als ob hier der Flohmarkt von Hannover-Langenhagen angekündigt wird!) Klar, dass die beiden Frauen, vor allem meine, daran nicht vorbei fahren konnte!

Aber der Schauer war uns auf den Fersen und kam hämisch auf uns nieder. Dies war Guss Nummer zwei, unser aller Hauptwäsche. Die Tropfen stachen im Gesicht, auf den Armen und sprengten den Schmutz von unseren Rahmen. Hier kamen Gegenwind und ein erstaunliches Tempo zusammen! Das Wasser was von meiner Fahrerin rann, war mit Sonnenmilch LF50 gemischt – sie hatte heute wohl mit etwas anderem gerechnet. Ich erhielt so eine extra Portion Fett, was auch meinen Lack mit einer wasserabweisenden Schicht überzog.
Hmm, wie ich jetzt dufte!

Die Strecke auf der rechten Seite sind wir ja ab Melk schon auf der Hintour gefahren. Daher überquerten wir hier die Donau über eine Brücke. Meine Fahrerin schob mich nach oben. Das machte sie vermutlich, weil sie nicht wollte, dass ich unter diesen Witterungsbedingungen 10 km vor dem Ziel schlapp machte. So ist sie halt!

MS Normandie

Auf der Brücke, es hatte zu regnen aufgehört, sahen wir die MS Normandie unter uns. Wir knipsten sie noch schnell, machten mit Winken und Lenkerschwenken auf uns aufmerksam, als schon die Nachwäsche auf uns niederklatschte.

Ohne Murren wurden unsere Pedale gekurbelt, dem Wind getrotzt und die Nässe ignoriert. Es war nun wirklich nicht mehr weit. Klitschnass aber dafür sauber kamen wir zusammen mit der MS Normandie in Pöchlarn an. Die Wolken wrangen noch ihre letzten Tropfen auf uns aus, dann gaben sie die Sonne für den Rest des Tages frei.

Meine Arbeit, eine schöne Arbeit ist nun getan. Ich bin jetzt wieder Rad Nummer 264 und ich dufte nach Sonnenmilch LF50!

Meine Fahrerin war zufrieden mit mir. Ich glaube, ich konnte ihr einen schönen, erlebnisreichen Urlaub verschaffen.

Und wie es weitergeht?

Wir fahren nun gemeinsam nach Passau, wo sie noch – zu Fuß – einen Tag verbringen möchte. Mal sehen, wo es mich als nächstes hinverschlägt.

Wofür ich eingeplant werde? Und mit wem? Mit Dir vielleicht?

Aber jetzt werde ich mich erstmal hinlegen!